Reizüberflutung

Überall sind Farben, Lichter, Anzeigen, Warnhinweise, Werbung, Plakate und die unterschiedlichsten Menschen. Alle die sich dort befinden, haben das selbe Ziel. Sie möchten von A nach B gelangen. Jeden Tag befinden sich tausende von Menschen unter der Erde in den U-Bahnen und Stationen. Alle bewältigen ihren Weg ohne eine Reizüberflutung. Dabei sind es so viele Reize die dort auf uns einprasseln. Nur Dank unseres Gehirns, ganz wie bei dem Beispiel des Autofahrens, sind wir in der Lage in dem Gewirr der U-Bahn nicht die Kontrolle und das Ziel zu verlieren.

Ich habe mich drei Tage in der Dortmunder U-Bahn aufgehalten. Den ersten Tag habe ich nur mit Beobachten und Fotos machen verbracht. Ich wollte die Stimmung in den U-Bahn Stationen kennen lernen, analysieren und verstehen. Alles aufnehmen mit den Augen, was möglich ist. Alle Lichter, Menschen, Wegweiser und Werbungen. Das Gefühl, sich Zeit zu nehmen und ohne Zeitbegrenzung und Wegessziel, sich in einer Station Aufzuhalten ist ungewöhnlich und fast merkwürdig. Das Ziel war einfach nur zu beobachten. Erst einmal hinsetzten und den Blick schweifen lassen. Das Licht erinnert mich an Krankenhäuser, es ist hell und kalt. Die Wände sind orange gefliest und am Ende des Bahnsteiges blau. Dunkel Blau. Alle 2 bis 5 oder 7 Minuten kommt eine Bahn und damit ein Schwall von Menschen. Die Einen kommen die Anderen gehen. Fußschritte, manche rennen damit sie noch ihre Anschluss verbindung schaffen. Kleine Kinder lachen, viele telefonieren und dann ist die Bahn auch schon wieder weg. Es kehrt verhältnismäßig Ruhe ein. Ich konzentriere mich auf den Geruch. Irgendwie dumpf und warm. So ein typischer U-Bahn Geruch. „Berlin riecht genau so“ meinte ein Freund. Das Gefühl, wenn man einfach nur ruhig dasitzt, und auf die nächste Bahn wartet, ohne mitfahren zu wollen, ist interessant. Man achtet auf jedes Detail bis die Bahn am Bahnsteig steht. Erst ist ein dunkles Grummeln zu hören, welches von den Schienen ausgeht. Dann schweift der Blick automatisch in Richtung Tunnel. Das Geräusch kommt nun nicht mehr von den Schienen sondern aus dem Tunnel. Schienen quietschen und dann ist sie auch schon da und bringt einen Schwall wärmlich stickiger Luft mit. Auf dem Bahnsteig wird es lauter, eine gewisse ganz kleine Aufregung herrscht unter den Wartenden. Vielleicht ist es auch eher eine Ungeduld als Aufregung. Der Zug wird leiser beim einfahren und man hört die Bremsen sanft aber bestimmt die U-Bahn bremsen. Es hört sich an, als müsste die U-Bahn erst einmal verschnaufen während sie da steht. Sie steht da und wartet ganz in ruhe und leise schnaufend auf ihre neuen Mitfahrer. Die Türen schließen sich ohne Warnton, sondern nur mit einem leichtem „klick“ und „schuuuft“. Die Bremsen lösen sich und sie macht sich langsam und etwas schwerlich auf den Weg zu der nächsten Haltestelle.

Fast jedem, dem ich von meiner Idee erzählte, meinte, wieso denn eine U-Bahn Haltestelle ein Ort der Reizüberflutung sei? Viele würden sich doch jeden Tag dort von A nach B bewegen. Das genau war mein Ansporn. Es sollte ein Ort sein, an dem die meisten Menschen der Überzeugung sind, es sei eine ganz normale Alltagssituation. Natürlich auch mit Reizen, jedoch nicht so vielen, dass man einer Reizüberflutung unterliegen könnte. Das wollte ich mit meinem Kurzfilm widerlegen. An den letzten zwei Tagen filmte ich alles was mir auffiel. Jede Treppe, jede U-Bahn. Nahm das Geräusch von Fußschritten auf und das einer Rolltreppe. Es war keineswegs einfach, jedoch unheimlich spannend. Ich habe mich drei Tage intensivst mit der U-Bahn Haltestelle des Dortmunder Hauptbahnhofes auseinander gesetzt. Seine Leute studiert, die Züge, Haltestellen, Farben und Formen. Es ist unsern Sinnen zu verdanken, dass wir das Leben in all seinen Facetten auf- und wahrnehmen können. Es ist jedoch unsere Gehirn, was uns hilft all das in der richtigen Dosis wahrzunehmen und zu genießen. Unser Gehirn und unsere Sinne begleiten uns, Hand in Hand, durch unser Leben. Sie machen unser Leben lebenswert.

Ein Projekt von Helena Rohwerder  / Wintersemester 2013/14

1 Comments

  1. Anna Michel

    Guten Tag sehr geehrte Damen und Herren,
    ich darf mich Ihnen vorstellen: Mein Name ist Anna Michel und ich studiere Psychologie an der Hochschule Rhein-Waal. Zur Zeit absolviere ich mein Paxissemester im Projekt „Mobile – mobil im Leben“. Das Ziel des Projektes ist die Steigerung der Akzeptanz und Effizienz der Mobilität im ÖPNV von Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen mit Hilfe eines Navigationssystems. Im Rahmen des Projektes werden wir in den Sommermonaten eine Pilotstudie zur Einfachheit von Haltestellen durchführen. Wir nehmen an, dass die Einfachheit von Haltestellen unter anderem von der örtlichen Komplexität und der Einwirkfaktoren auf die individuelle Konzentrationsfähigkeit beeinflusst werden. Also geht es hier um die Wahrnehmung der Reize und Fokussierung der Aufmerksamkeit auf den Target-Reiz bei einer möglichen Reizüberflutung. Der Projektleiter Prof. Dr. Ressel hat mich auf die Arbeit von Frau Rohwerda aufmerksam gemacht. Leider konnte ich das Video bzw. die Ergebnisse des Projektes dieser Seite nicht entnehmen und würde gerne mit der Projektverantwortlichen Kontakt aufnehmen, um mehr über das Projekt und seine Ergebnisse zu erfahren. Würde mich über möglichen Wissensaustausch freuen und bedanke mich bei Ihnen im Voraus für Ihre Zeit. Mit freundlichen Grüßen Anna Michel

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